Haben linke Gesellschaftsentwürfe heute noch eine Chance? Der Zeitgeist scheint rechts zu ticken. Ein neues Modell könnte jedoch eine Revolution von unten ermöglichen.
Rechtsgerichtete Politiker und Parteien eilen von Erfolg zu Erfolg: in den USA mit Donald Trump, in Europa mit Orbán, der AfD, Rassemblement National, FPÖ und den italienischen Postfaschisten, und in Südamerika mit dem nicht ganz so menschenfeindlich auftretenden, dafür aber radikal rechtsliberalen Javier Milei. Die linke Bewegung scheint geschwächt und ideenarm.
Doch vielleicht gibt es eine Chance für eine Veränderung von unten. Auch wenn es nicht so aussieht: Die Voraussetzungen waren noch nie so gut wie heute!
Die Commons-Bewegung setzt auf selbstorganisierte Initiativen jenseits von Markt und Staat. Es werden Ressourcen gebündelt, gepflegt und geteilt, oft auf nachhaltige und klimafreundliche Weise. Beispiele sind die solidarische Landwirtschaft, Gemeinschaftsgärten, aber auch freie Software und Wikipedia.
Besonders interessant als Keimzelle für eine zukünftige gesellschaftliche Veränderung: die Maker-Szene, die Baupläne für viele Güter auf Plattformen wie Wikifab, Thingiverse und Farmhacks teilen, darunter auch Maschinen und andere Produktionsmittel. Jeder kann diese Dinge nachbauen.
Müsste dank des technischen Fortschritts mit Künstlicher Intelligenz, und Robotik diese Bewegung heutzutage nicht florieren? Trotzdem scheint sie auf einige Gebiete und Nischen beschränkt. Die Finanzierung größerer Betriebe wie etwa Fabriken, aber auch die gerechte Verteilung von Aufgaben in den Projekten bleiben große Herausforderungen.
Das Buch Nie wieder Knappheit möchte Anregungen präsentieren, um diese Herausforderungen zu überwinden. Die Commons-Bewegung soll zum Mainstream werden, um eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Gesellschaft aufzubauen.
Nie wieder Knappheit: Ein Modell für eine wettbewerbsfähige, inklusive Wirtschaft
Was würden die meisten Menschen tun, wenn sie ein Angebot für eine Arbeit von einem Betrieb bekommen würden, mit folgenden Konditionen:
- jedes Jahr weniger zu arbeiten, und das ohne Lohnausgleich,
- Mitspracherecht im Betrieb,
- vergünstigte Produkte des Betriebs und von Partner-Betrieben, und das ohne undurchsichtige Marketing-Aktionen,
- immer häufiger sogar kostenlosen Zugriff auf Güter,
- der Betrieb nutzt erneuerbare Energien und trägt somit zum Klimaschutz bei,
- und eine sichere Altersvorsorge, die immer zumindest für die eigenen Grundbedürfnisse ausreichen wird, und meist für viel mehr.
Und das ganze nur mit dem Nachteil, dass ein Teil des Lohns in Sachleistungen (vom Unternehmen und Partnerbetrieben) ausgezahlt wird.
Viele würden sich vermutlich für diesen Betrieb entscheiden, anstatt für ein traditionelles kapitalistisches Unternehmen.
Commons-Betriebe könnten solche Voraussetzungen anbieten. Ein wichtiger Punkt: Produktivitätsgewinne können immer in den Betrieb fließen und die Arbeitenden belohnen, anstatt in Boni fürs obere Management oder Dividenden für die Kapitaleigner. Einige typische Kosten wie Marketing würden fast ganz verschwinden. Doch es wird noch besser: Diese Fortschritte könnten sich durch Netzwerkeffekte beschleunigen, weil die Betriebe sich gegenseitig unterstützen und Ressourcen teilen können, anstatt miteinander zu konkurrieren und vieles parallel entwickeln zu müssen.
Das könnte es möglich machen, bessere Konditionen anzubieten als die kapitalistische Konkurrenz. Es gäbe Vorteile für die Arbeitenden, als auch für Menschen, die sich entscheiden, andere Ressourcen wie Geld oder Grund und Boden beizutragen. Somit gäbe es klare Anreize für viele Menschen, an einem Commons-Gesellschaftsmodell teilzunehmen. Und ein linkes inklusives Modell wäre plötzlich wettbewerbsfähig!
Warum sind gerade heute die Voraussetzungen gut für ein solches Modell? Es fallen gerade mehrere Entwicklungen zusammen:
Zum einen der technische Fortschritt. Erneuerbare Energien und die Künstliche Intelligenz schreiten in Windeseile voran, doch ihre Früchte kommen bisher vor allem großen Unternehmen zugute. Zum zweiten sind in der Commons-Beweugung in den letzten drei Jahrzehnten bereits viele offene Hardware-Konzepte und auch organisatorische Erfahrungswerte entstanden. Und zum dritten wächst überall die Einsicht, dass etwas getan werden muss, um die globale Erwärmung zu stoppen.
Nie wieder Knappheit soll dazu einladen, sich von der traditionellen Dichotomie Staat oder Markt? zu lösen. Es ein Vorschlag für einen Weg in eine Gesellschaft mit weniger Wachstumszwang, die gleichzeitig inklusiv, ökologisch und resilient sein kann.