Anarchismus: Ein Begriff, der Kontroversen auslöst. Doch könnte eine neue Form der Anarchie vollkommen gewaltlos im 21. Jahrhundert entstehen. Und einige der dringendsten Herausforderungen unserer Zeit lösen helfen, wie den Klimawandel und die Armut.
Viele Menschen assoziieren den Anarchismus immer noch mit der Losung Keine Regeln. Und daher wird die Anarchie oft mit Gewalt und Chaos in Verbindung gebracht.
Eigentlich ist die Bedeutung des Wortes jedoch Keine Herrschaft! Es ging den Anarchisten darum, starre Hierarchien abzuschaffen. Kein Mensch sollte über einen anderen bestimmen dürfen, mehr wert sein als jemand anderes.
Eigentlich haben Anarchisten ähnliche Ziele wie die Demokratiebewegung. Nur soll das Reich der Freiheit nicht nur die Politik, sondern auch die Wirtschaft und das gesamte gesellschaftliche Gefüge umfassen. Theoretiker wie Proudhon, Kropotkin und im deutschsprachigen Raum beispielsweise Horst Stowasser entwarfen Szenarien, Strategien und Konzepte, um diese Vision in die Realität umzusetzen.
Heute wird die anarchistische Bewegung oft belächelt. Zu attraktiv und alternativlos scheint das Anreizsystem des Kapitalismus, zu brutal die Sachzwänge. Zum Teil werden Anarchisten von der Mehrheitsgesellschaft immer noch mit Gewalt assoziiert.
Doch im Hintergrund entsteht eine neue Produktionsweise, die durchaus als anarchistisch bezeichnet werden kann. Sich frei assoziierende Gruppen von Menschen entwickeln gemeinsam digitale Güter. Begonnen hat es mit der Freien Software im den Achtzigern, Wikipedia folgte als Leuchtturmprojekt um 2000. Die Maker-Szene ließ das Modell inzwischen auf die Sphäre der materiellen Produkte übergreifen: Menschen teilten Baupläne und Rezepte über das Internet. Jeder kann seitdem bestimmte Güter und Projekte, sogar High-Tech-Produkte wie 3D-Drucker nachbauen, überall auf der Welt.
Sollte dieses Modell auf weite Teile der Wirtschaft anwendbar sein, könnte die Anarchie quasi über die Hintertür wieder als relevanter Akteur auftreten. Und vielleicht auch einige der Herausforderungen der heutigen Zeit lösen.
Doch etwas scheint zu fehlen. Trotz 3D-Druckern und umfangreichen ökologischen Projekten wie Open Source Ecology ist es vielen Interessierten unklar, wie dieses Modell in immer mehr Branchen etabliert werden könnte. Und wie es auch Grundbedürfnisse der Menschen sicher zu erfüllen vermag.
Nie wieder Knappheit: Mit Anreizen zur Anarchie?
Im Buch Nie wieder Knappheit wird ein Modell vorgestellt, wie eine im Grundsatz anarchistische Produktionsweise es doch noch schaffen könnte, die Gesellschaft zu erobern. Grundlage ist das Konzept der Commons. Ein Begriff, der Güter und Ressourcen beschreibt, die in selbstorganisierten Projekten entstehen und gepflegt werden.
Der ganz einfache Grundsatz des Modells: Es soll attraktiver sein, bei solchen selbstorganisierten Initiativen mitzumachen, als für kapitalistische Unternehmen zu arbeiten. Menschen, die diese Projekte mit Arbeit, Geld und anderen Ressourcen unterstützen, sollen die Sicherheit erhalten, ihre Bedürfnisse befriedigen zu können:
- Die Altersvorsorge könnte sicherer und besser werden und auch mit einer alternden Gesellschaft besser umgehen.
- Wir müssten jedes Jahr weniger arbeiten, denn Fortschritte bei Automatisierung und KI würden allein den Arbeitenden zugute kommen.
- Das Geld würde an Bedeutung verlieren, graduell könnte eine kostenlose, freie Grundversorgung etabliert werden.
- Anstrengungen und geniale Einfälle würden trotzdem weiterhin belohnt.
- Als Fernziel könnte die weltweite Armut effektiv bekämpft werden.
- Das Wirtschaftsmodell ist nachhaltig und könnte weltweit die Energiewende beschleunigen.
Statt kapitalistischem Wachstumszwang könnten wir eine inklusive, ökologische und resiliente Gesellschaft aufbauen, die das Klima unseres Planeten schützt.
Nie wieder Knappheit ist eine Einladung, um sich von althergebrachten Denkmustern zu lösen. Es soll kein neues Dogma und kein neuer -ismus aufgestellt werden. Stattdessen ist es ein Vorschlag für einen Weg in eine Gesellschaft, in der sich viele der Werte und Prinzipien wiederfinden, für die der Anarchismus gekämpft hat.